Viele Hundehalter kommen mit dem gleichen Satz in die Praxis:
„Das Kreuzband ist einfach gerissen – ganz ohne Vorwarnung.„
Doch genau das ist einer der größten Irrtümer rund um den Kreuzbandriss beim Hund.
In der überwiegenden Mehrzahl der Fälle handelt es sich nicht um ein akutes Trauma, sondern um einen langsam fortschreitenden degenerativen Prozess, der sich über Wochen, Monate oder sogar Jahre entwickelt.
Was ist das Kreuzband überhaupt?
Das vordere Kreuzband stabilisiert das Kniegelenk und verhindert das Vorschieben des Unterschenkels.
Es ist entscheidend für:
- sichere Lastaufnahme
- kontrollierte Beugung & Streckung
- gleichmäßige Kraftübertragung
Bei Degeneration oder Ruptur entsteht eine chronische Instabilität – mit gravierenden Folgen für Knorpel, Menisken und die gesamte Gelenkmechanik.
Der entscheidende Punkt: Der Kreuzbandriss ist meist degenerativ
In über 70–80 % der Fälle liegt keine klassische Unfallverletzung vor, sondern ein schleichender Strukturverlust des Bandes.
Typische Einflussfaktoren
- muskuläre Dysbalancen
- Fehlbelastungen
- Übergewicht
- eingeschränkte Gelenkbeweglichkeit (Hüfte, Sprunggelenk)
- mangelnde Koordination & Propriozeption
- genetische Prädisposition
Frühe Warnzeichen, die oft übersehen werden
Degeneration verläuft unauffällig. Typische, häufig bagatellisierte Signale sind:
- kurzes Anlaufs- oder Startlahmen
- häufiges Umlagern der Hinterhand
- verminderte Belastung einer Seite
- der sogenannte „Welpensitz“ – dabei wird ein Hinterbein seitlich ausgestreckt
- sichtbarer Muskelabbau an Oberschenkel oder Gesäß
Gerade der Welpensitz ist ein sehr frühes Zeichen für Instabilität oder Schmerzen im Knie- oder Hüftbereich – wird jedoch oft als „bequeme Haltung“ fehlinterpretiert.

Warum der Riss dann scheinbar „plötzlich“ passiert
Das Band ist bereits strukturell geschädigt. Eine alltägliche Bewegung wie Aufstehen, Spielen oder Wenden genügt – und das vorgeschädigte Kreuzband reißt vollständig.
Operative Versorgung – ein kurzer Überblick
Bei einer kompletten Ruptur ist häufig eine Operation notwendig.
Die gängigsten Verfahren sind:
- TPLO (Tibial Plateau Leveling Osteotomy)
Veränderung des Tibiaplateauwinkels zur funktionellen Stabilisierung - TTA (Tibial Tuberosity Advancement)
Vorverlagerung der Tuberositas tibiae zur biomechanischen Entlastung - extrakapsuläre Verfahren
v. a. bei kleineren Hunden, künstliche Stabilisierung durch Fäden
Alle Methoden haben eines gemeinsam: Sie ersetzen nicht die Funktion der Muskulatur. Ohne gezielte Physiotherapie bleibt das Gelenk funktionell eingeschränkt – trotz erfolgreicher OP.
Die Rolle der Physiotherapie – vor und nach dem Riss
Physiotherapie ist kein reines Reha-Instrument, sondern entscheidend in Prävention und Langzeitmanagement.
Vor dem Riss:
- Erhalt stabilisierender Muskulatur
- Verbesserung der Koordination
- Korrektur von Fehlbelastungen
Nach OP / Ruptur:
- gezielter Muskelaufbau
- Wiederherstellung der Belastungssymmetrie
- Schutz vor Arthrose
- Prävention des zweiten Kreuzbandrisses
Denn: Ist ein Knie betroffen, ist das andere meist ebenfalls degenerativ vorgeschädigt.
Wissen To Go
Der Kreuzbandriss ist selten ein plötzliches Ereignis.
Er ist fast immer das Endstadium einer langen, unbemerkten Entwicklung.
Je früher Warnzeichen wie Startlahmen, Muskelabbau oder der Welpensitz ernst genommen werden, desto größer ist die Chance, einen Riss hinauszuzögern oder zu vermeiden.